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„Wir brauchen mehr Pippi Langstrumpfs!“

Wie Medienfiguren unsere Kinder beeinflussen

Wie verhelfen Medien zu mehr Selbstbewusstsein? 

 

© somenski, fotolia

 

Fernsehen spielt im Leben von Kindern eine große Rolle. Vor allem Zeichentrickfiguren kommen bei Jungen und Mädchen gleichermaßen gut an. Aber welche Art von Figuren suchen sich Kinder als Vorbilder aus? Welche Charaktereigenschaften faszinieren sie? Kann eine Fernsehfigur dabei helfen, Kinder stark und selbstbewusst zu machen? 

 

Dr. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen IZI, ist davon überzeugt: „Zunächst muss man verstehen, dass sich Kinder aus den Medien Bilder, Figuren und Fantasien entnehmen, die sie psychisch gesund halten. Das heißt, Szenarien, in denen sie kompetent sind, geliebt werden und Anerkennung erhalten. Das kann, je nach Lebenssituation, ganz verschieden aussehen.“ Denn Kinder suchen sich die Figuren aus, die ihre eigene Situation am besten widerspiegeln. Wenn es im Alltag für Kinder schwierig wird, nutzen sie die Medien dazu, um sich selbst stark zu denken und mental gesund zu halten. Weil sie ihre Gefühle noch nicht so gut einordnen und in Worte fassen können, bietet ihnen das symbolische Material der Medien eine Projektionsfläche dazu. Kinder suchen sich in den Medien das, was ihnen in ihrer Lebenslage gerade hilft. Ist ein Kind in einer schwierigen Situation, kann es sich etwa bei „Kommissar Rex“ vorstellen: „Der würde mir helfen und mich retten. Der gibt mir Kraft.“ „Genauso sind aber auch Ausgleiche möglich“, erklärt die Medienpädagogin. „Ein Junge, der als Problemfall und als gewalttätig gilt, kann sich Charaktere aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ als Vorbild suchen. Weil sie ihm zeigen, wie man im Leben zurechtkommt. Wie man normal und angepasst ist – und nicht ständig aneckt.“ 

Von Batman und Barbie

„Spongebob – Schwammkopf“ rangiert bei den sechs- bis zwölfjährigen Jungen seit Jahren auf dem ersten Platz der Beliebtheitsskala. „Spongebob symbolisiert die Kinderperspektive. Er macht viele Fehler, will aber immer nur das Beste. Er meint es nie böse und egal, was er tut, er ist am Ende immer der Held. Bei Spongebob werden Themen wie Versagen, Verlustängste, Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit oder die erste Annäherung an das andere Geschlecht bearbeitet. Dabei ist das Ganze sehr humoristisch aufbereitet. Gerade Jungs brauchen eine gewisse Distanz zu einem Thema – sie mögen die direkte Auseinandersetzung nicht so sehr“, so die Expertin. Auf Platz zwei folgt bei den Jungs „Batman“. Er ist immer stark, jeder Situation gewachsen und seine Technik hilft ihm, alle Gegner zu besiegen. „Für Jungen sind beide Arten von Charakteren wichtig. Sie ziehen sich dort, je nach Lebenssituation, Unterschiedliches heraus. Für Jungs gibt es generell eine recht große Bandbreite an Möglichkeiten, was die verschiedenen Charaktere der Figuren angeht. Bei Mädchen sieht das leider etwas anders aus“, erklärt Götz. 

Weibliche Figuren bestünden heute größtenteils aus so genannten „Add-on“-Bildern. Das, was heute das Ideal von Weiblichkeit ausmache, sei eine Zusammensetzung aus den verschiedensten Eigenschaften. „Die Frau von heute ist gut in der Partnerschaft, erotisch, attraktiv, superschlank, perfekt geschminkt, sexuell aktiv, erfolgreich im Beruf, gleichzeitig Mutter und natürlich zuständig für den Haushalt. Sobald auch nur ein Punkt abweicht, gilt dies sofort als Makel, an dem die Frau selbst schuld ist. All das spiegelt sich auch in den meisten weiblichen Figuren im Fernsehen wider“, weiß Maya Götz. Die Figuren entsprechen in der Regel dem Schönheitsideal und verkörpern die perfekte Frau oder das perfekte Mädchen. Bei den weiblichen Fernsehcharakteren liegen Hannah Montana – ein normales Mädchen, das sich nachts in einen Superstar verwandelt – und Barbie ganz vorne. 

„Unsere Mädchen wachsen mit einem Körperideal auf, das sie niemals werden erreichen können. Denn zwei von drei Zeichentrickmädchen, die global vermarktet werden, sind dünner als Barbie. Und der Körper von Barbie wäre in der Realität schon nur zu erreichen, wenn ich entweder 2,15 m groß wäre oder mir die unterste Rippe wegoperieren ließe. Mädchen werden daher immer eine Defizitperspektive haben – das ist nicht gerade gut für das Selbstbewusstsein“, erklärt Götz. Gerade in den letzten drei Jahren hat sich das sowieso schon sehr kritische Verhältnis zum eigenen Körper noch einmal gesteigert, zeigen Ergebnisse aus der Mädchenforschung. Ein weiteres Problem ist die Hypersexualisierung von weiblichen Kinderfiguren. Denn die Charaktere zeigen immer viel Haut, tragen zum Beispiel knappe Tops, kurze Röcke oder Hotpants. „Schon sechs- oder siebenjährige Zeichentrickfiguren werden sexualisiert dargestellt“, so Götz.

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