Sie sind hier >  /  
< Schutz vor sexuellem Missbrauch

Die Kinder ringen um die Liebe ihrer Eltern

Das Leben in einer Suchtfamilie

In einer Suchtfamilie dreht sich alles um den Süchtigen

© Ned White, fotolia

 

Die meisten Kinder mit suchtkranken Eltern tun alles dafür, um nach außen ein Bild der Normalität zu zeigen. Wenn man sie darauf ansprechen würde, würden sie entweder standhaft leugnen, dass es ein Problem gibt oder sie würden die Frage nicht verstehen, weil sie sich des Problems gar nicht bewusst sind.

 

Es gibt Formen von Alkoholismus, bei denen alles verdeckt abläuft, der süchtige Elternteil immer einen gewissen Promillepegel braucht, aber sein Leben nach außen hin im Griff hat. Da gibt es keine Form von Gewalt oder Aggressivität, aber eine bedrohlich angespannte Atmosphäre zu Hause. Das Kind spürt das, kann jedoch nicht einordnen, was es ist und woher es kommt. Es gibt auch Fälle in denen der süchtige Elternteil zur Aggressivität neigt und dann den Partner oder die Kinder schlägt. Genauso gut kann die Sucht still ablaufen. Dann sind die Verletzungen, die die Kinder erfahren, verbale Verletzungen. Die Eltern vermitteln den Kindern das Gefühl, sie seien schuld an dem Unglück in der Familie: „Wenn du nicht wärst, dann wäre mein Leben anders verlaufen. Wenn du nicht in der Schule ständig solche Schwierigkeiten machen würdest, dann bräuchte der Vater nicht so viel trinken.“ Die meisten Suchtkranken sind nicht fähig zuzugeben, dass sie mit ihrer Sucht ihr Kind schädigen, denn sie haben sich eine große Mauer der Verleugnung aufgebaut. Wenn sie über Jahre clean sind, kommt es vor, dass sie sich dieser Realität stellen. Während der Sucht und kurze Zeit nach dem Entzug ist das meist nicht der Fall. Beim Cleanbleiben leben viele den Egoismus aus der Zeit der Sucht weiter. Nichts ist für sie wichtig, nur ihr abstinentes neues Leben. Die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder und vor allem der Kinder bleiben weiter außeracht. Aber es gibt auch Fälle, wie den des Vaters, der Alkoholprobleme hatte und sich, nachdem er trocken geworden war, wieder ganz bewusst dem Zusammenleben mit seiner Familie zugewandt hat. Das ist leider nicht die Regel. Kinder suchtkranker Eltern haben durch die Belastung, die sie in ihren Elternhäusern erfahren haben, schlechtere Startchancen in ihr Leben als ihre Freunde aus nichtsüchtigen Familien. Sie können das Potential, das ihnen mitgegeben wurde, nicht voll ausschöpfen.

Die Kinder werden Eltern ihrer Eltern

© Jürgen Fälchle, fotolia

Die Kinder werden Eltern ihrer Eltern

Kinder von suchtkranken Eltern ringen um die Liebe ihrer Mütter und Väter, indem sie sich um sie kümmern. Die Grenzen zwischen Erwachsenen und Kindern verwischen. Kinder fühlen sich früh für ihre Eltern und ihre Geschwister verantwortlich und übernehmen häufig die Aufgaben im Haushalt. Sie werden Eltern ihrer Eltern. Man nennt dieses Phänomen auch „Parentifizierung“. Das kann so weit gehen, dass sie ihre Eltern zu einer Suchtberatung bringen, weil sie spüren, dass ihre Eltern nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen. Die Kinder sind mit dieser Situation permanent überfordert. 

Sie fangen außerdem an, ihre Eltern zu kontrollieren: Wann hat meine Mutter wie viel getrunken? Und sie suchen entweder nach den Verstecken um den Alkohol wegzugießen oder sie besorgen im Gegenteil Nachschub, auch wenn es mitten in der Nacht ist, weil sie beispielsweise wissen, wenn der Pegel sinkt, wird der Vater aggressiv. So schützen sie sich und ihre Geschwister vor Übergriffen. In Suchtfamilien kommt es häufig zu Grenzüberschreitungen oder zu sexuellen Übergriffen, Missbrauch und körperlicher Gewalt. Im familiären Alltag sind Unsicherheit, Unberechenbarkeit und Angst vorherrschend, denn süchtige Eltern sind je nach Rauschzustand übermäßig hart oder liebevoll zu den Kindern. Die Kinder lernen, dass auf nichts Verlass ist. Sie kennen das Gefühl nicht, dass da jemand ist, dem sie vertrauen können. Weil die Kinder schon früh Verantwortung übernehmen, lernen sie nicht, ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren. Sie haben oft kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Einfach Kind zu sein, ist für diese Kinder ein seltenes Erlebnis. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl, sind verwirrt, ängstlich, wütend und voller Schuld und Scham.

Seite: 1 2 weiter >>

Weitere Infos zum Thema sexueller Missbrauch

„An geschlossene Foren kommt man schwer ran“

Es gibt nur wenig belastbare Zahlen zum Thema Kinderpornografie. Das Dunkelfeld ist groß: Wie viel und welche Art...[mehr lesen]

Das „verfluchtes Paradies“

Kinder sollten in der DDR früh zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden. Wer als schwererziehbar galt,...[mehr lesen]

Eine Initiative für mehr Sicherheit in der Schule

Anfangs freute sich die 15-jährige Schülerin, als ihr Sportlehrer ihr so viel Hilfestellung gab, dass sie den...[mehr lesen]

Nicht wegsehen – handeln!

Die sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus und auf Reisen ist kein Problem einzelner Länder – sondern ein...[mehr lesen]

„Ein halber Schritt auf uns zu genügt“

Der Verein „Behandlungs-Initiative Opferschutz (BIOS-BW) e. V.“ in Baden-Württemberg hat es sich zur Aufgabe gemacht,...[mehr lesen]

Newsletter