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Präventionsprojekte für Kinder in Suchtfamilien

Individuelle Förderung in der Bildungspolitik

 Für Kinder aus Suchtfamilien könnte viel mehr getan werden

© Miredi, fotolia

 

„Vor allem im Bereich der Schulen ist die größte Chance, etwas zu bewirken“, wirft Henning Mielke vom Verein für Kinder aus Suchtfamilien auf, „weil man dort an die Kinder herankommt. Aber hier wird noch zu wenig getan. Der Weg über individuelle Förderung würde Kindern aus Suchtfamilien gut tun. Und wenn die Lehrer und Sozialarbeiter dieses Thema präsent hätten, wäre das ein großer Fortschritt.“Vor einigen Jahren hatte Henning Mielke zusammen mit einer Selbsthilfegruppe  und der Berliner Schulverwaltung ein Projekt in einer Schule durchgeführt. Dabei sind sie stufenweise vorgegangen. Als Erstes sind sie an die Schulleitung herangetreten. Mit einer vom Projekt überzeugten Leitung haben sie anschließend eine Gesamtkonferenz mit Elternvertretern und der kompletten Lehrerschaft gehalten. Nachdem für das Thema sensibilisiert wurde, bot die Selbsthilfegruppe mit der Schulverwaltung gemeinsam einen Workshop für Lehrer mit Basisinformationen an: Was ist Sucht? Welche Familienstrukturen herrschen in einer Suchtfamilie? Wie fühlen sich Kinder in Suchtfamilien? Wie vermittle ich kindgerecht das Thema? Nachdem die Lehrer fit waren, sprach auf einem Infoabend ein Suchtarzt vor Eltern und Lehrern. Bevor sie sich dann an die Kinder gewandt haben, sind sie noch in die Elternabenden derjenigen Klassen gegangen, mit denen sie arbeiten wollten. Mielke beschreibt, dass es immer ganz wichtig war, die Eltern vorab zu informieren, damit diese auch wissen, dass in einigen Tagen jemand in die Klasse kommt und über Suchtfamilien mit ihren Kindern spricht. So wussten die Eltern genau Bescheid und waren vorbereitet, wenn ihr Kind vielleicht nach Hause kommt und Fragen stellt. Dabei war entscheidend, dass sie immer deutlich gemacht haben, dass sie selber erwachsene Kinder aus Suchtfamilien sind, dass sie selber erlebt haben, wie es sich anfühlt, wenn die Eltern ein Suchtproblem haben. Und darüber haben sie mit den Eltern und später mit den Kindern in den Klassen gesprochen. Ganz unproblematisch ist solch ein Projekt nicht, denn in jeder Klasse gibt es Eltern, die suchtkrank sind. Mielke hat zwei Reaktionen bei den Eltern festgestellt. Entweder sie waren ganz platt und sagten nichts mehr oder sie fingen an, Fragen zu stellen und von sich zu erzählen. „Das geht aber auch immer nur durch Vorleben. Wenn wir immer nur die dunklen Themen mit den schmerzhaften Dingen verstecken und das einander nicht erzählen, spielen wir voreinander eigentlich immer nur Verstecken“, so Mielke. Durch eine offene, klare und ehrliche Kommunikation kann den Menschen gezeigt werden, dass man über das Thema reden kann. Und nur wenn es enttabuisiert wird, kann man den Kindern helfen. Es ist nicht einfach und auch nicht immer schön, bestimmte Dinge anzusprechen, aber es ist gut und wichtig für die Kinder. 

Das Schulprojekt zog viele positive Reaktionen nach sich: Eltern suchten Rat bei Lehrern, und auch betroffene Schüler vertrauten sich ihren Lehrern an. Es entstand ein Klima, in dem über solche Dinge gesprochen werden konnte. Henning Mielke: „Man kann den Kindern das Schicksal, dass sie suchtkranke Eltern haben, nicht von der Schulter nehmen, aber man kann ihnen abnehmen, sich deswegen zu schämen, dafür zu lügen, ständig Angst zu haben, das Geheimnis könnte entdeckt werden: Diese ganze Last kann man den Kindern ersparen, wenn in der Schule damit in einer guten Weise umgegangen wird. Die Entlastung, die die Kinder in der Schule erfahren, ist unmittelbar suchtpräventiv wirksam.“

Aufklärungsarbeit in Schulen könnte Kindern aus Suchtfamilien helfen

© CC-Verlag

Was macht die Politik? 

Auch die Politik hat nun die besondere Gruppe von Kindern in Suchtfamilien erkannt und berichtete erstmalig im Drogenbericht 2002 über dieses Thema. Die Katholische Fachhochschule Köln hat ein Forschungsprojekt zu diesem Bereich, außerdem gibt es Projekte für Suchtkranke und ihre Kinder. Im stationären Bereich existieren 20 Therapieeinrichtungen, die die Kinder drogenabhängiger Mütter mit aufnehmen. Die Fachtagung: „Familiengeheimnisse – Wenn Eltern suchtkrank sind und die Kinder leiden“, die 2003 vom „Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung“ in Berlin organisiert wurde, beschloss zehn Eckpunkte zur Verbesserung der Situation von Kindern aus suchtbelasteten Familien. Unter anderem wurden folgende Ziele benannt: Den betroffenen Kindern zu helfen sowie das Thema in der Öffentlichkeit und bei Fachkräften aus dem Bildungssystem zu enttabuisieren und darüber zu informieren. Im Drogen- und Suchtbericht 2009 berichtet die Bundesregierung über das Pilotprojekt „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“. Es ist präventiv ausgerichtet und ein Unterstützungs- und Hilfsangebot für Eltern ab Beginn der Schwangerschaft bis zum 3. Lebensjahr des Kindes. 

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