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„Wir sind auf der Seite der Kinder“

Die Ermittlungsarbeit beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch

Sexueller Missbrauch findet häufig innerhalb der Familie statt

© GW20, MEV-Verlag

 

Kriminalhauptkommissarin Cathrin Frost arbeitet bei der Kriminalpolizei in Eutin, einer Kreisstadt in Schleswig-Holstein mit 17.000 Einwohnern. Gemeinsam mit einer Kollegin bearbeitet sie vorrangig Fälle von sexuellem Missbrauch. Dabei ermitteln sie nicht von sich aus. Auch Hinweise von Unbeteiligten erhalten sie nur sehr selten. Von den meisten Fällen erfahren sie, wenn sich Eltern direkt an die Polizei wenden und eine Anzeige erstatten. Dabei gibt es zwei verschiedene Gruppen: Fand der Missbrauch durch eine fremde Person statt (dass beispielsweise ein Mädchen von einem Unbekannten vom Spielplatz gelockt wurde), wird in aller Regel sofort Anzeige erstattet. „Diese Fälle sind aber sehr selten“, meint Cathrin Frost: „Meist kommt der Verdächtige aus dem privaten Umfeld des Kindes. Es ist der leibliche Vater, der neue Partner der Mutter, der Onkel oder der Großvater.“ Und dann wird es schwierig: Denn die Täter – bislang hatte sie es in der Praxis ausschließlich mit Männern zu tun, die sexuelle Handlungen an Kindern begingen – haben ein jahrelanges Vertrauensverhältnis zu dem Kind und auch zu den anderen Erwachsenen in der Familie aufgebaut. Außerdem ist es ein langer Prozess, bis es in der Familie zu einem vom Kind nicht gewollten sexuellen Übergriff kommt. „Diesen schleichenden Prozess wollen die anderen Familienmitglieder zunächst nicht wahrhaben und auch die Kinder trauen sich lange nicht, etwas zu sagen.“ Das hat zur Folge: Wenn die Tat angezeigt wird, dann zerbricht aufgrund des enttäuschten Vertrauens meist auch die Familie. Vor allem die Mütter sind in einem Zwiespalt, wenn die Beschuldigten die Tat vehement abstreiten: Wem sollen sie mehr Glauben schenken – ihrem Kind oder ihrem Partner, Vater oder Schwiegervater?

Möglichst früh zur Polizei gehen 

Für Cathrin Frost ist es wichtig, dass die Kinder schon zur Polizei gebracht werden, wenn sie anfangen, über die Vorfälle zu sprechen: „Weil wir dann frische und unbeeinflusste Aussagen erhalten.“ Sie hat die Erfahrung gemacht: Wenn Kinder erst einmal Therapien durchlaufen haben oder auch nur mit vielen Erwachsenen über einen möglichen Missbrauch gesprochen haben, reden sie nicht mehr in ihrem eigenen Sprachgebrauch. Der Wahrheitsgehalt ihrer Aussage ist dann nur noch sehr schwer zu ermitteln. Ein weiterer Grund: „Gegenüber Bezugspersonen erzählen Kinder oft nicht alles, was passiert ist, weil sie merken, dass sie den Eltern damit weh tun.“ Das ist auch nicht falsch. Denn die Mütter sind zum Beispiel enttäuscht, dass ihr Kind nicht schon viel früher das Vertrauen hatte, sich an sie zu wenden und zu sagen, dass etwas schief läuft. 

Gespräche mit allen Beteiligten führen 

Alle Gespräche der Polizistinnen mit den Kindern werden ganz offen mit Videokameras aufgezeichnet und dadurch dokumentiert. „Meiner Kollegin und mir können und sollen die Kinder wirklich alles erzählen“, meint die Kommissarin. Die Eltern sind in der Regel nicht bei dieser Befragung anwesend, sondern sie warten draußen, ohne direkt zuhören zu können. „So können wir den Eltern manche Inhalte im Gespräch nachher schonend beibringen und die Kinder haben nicht das Gefühl, dass sie ihre Eltern verraten.“ Cathrin Frost hört sich aufmerksam an, was alle Beteiligten sagen und prüft dann, was an den Aussagen nicht zusammenpasst. Die Kriminalhauptkommissarin und ihre Kollegin versuchen, die wichtigsten Aussagen gleich in der ersten Anhörung des Kindes zu erhalten. „Familienmitglieder glauben meist an die Unschuld des Verdächtigen. Wir fangen mit dem Glauben an die Aussagen des Kindes an.“ Der Missbrauch geht meist über eine längere Zeit. Je jünger die Kinder sind, desto schwieriger wird es, genaue Zeitpunkte zu benennen: „Aber bislang haben wir es immer hinbekommen, dass die Kinder sich daran erinnern konnten, wann das angefangen hat, wann es zu besonders negativen Erlebnissen gekommen ist und wann das letzte Mal gewesen ist.“

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