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Antisemitismus in Deutschland

Vorurteilen begegnen – durch Begegnungen


Angriffe auf jüdische Einrichtungen, Hetze im Internet, Beleidigungen im Alltag

© Patrick Daxenbichler, Adobe Stock

 

Der Antisemitismus in Deutschland nimmt wieder zu, was Grund zur Sorge bereitet. Ein Symbol dafür war die öffentliche Verbrennung von israelischen Fahnen am Rande einer Demonstration gegen die Israel-Politik der USA im Dezember 2017 in Berlin. Die meisten antisemitischen Straftaten werden jedoch von Rechtsextremen begangen. Auch rund 70 Jahre nach dem Ende des Holocaust müssen noch viele Synagogen und andere jüdische Einrichtungen dauerhaft von der Polizei oder von Sicherheitsdiensten bewacht werden.

Ernstzunehmende Bedrohung

Im ersten Halbjahr 2017 stieg die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland erstmals seit zwei Jahren wieder an. Die Gefahren für Juden kommen aus unterschiedlichen Richtungen: Neben Neonazis und radikalen Muslimen findet sich Judenfeindlichkeit auch immer mehr in der Mitte der Gesellschaft. Das hängt nicht zuletzt mit dem Erstarken von rechtem Gedankengut zusammen. Mit dem Internet und in sozialen Netzwerken hat der Antisemitismus zudem einen weiteren Verbreitungsweg gefunden.

Prof. Dr. Thomas Grumke

FHöV NRW, © Benjamin Jenak/Couragiert-Magazin

Antisemitische Straftaten in Deutschland

Im Jahr 2017 wurden insgesamt 898 Fälle von Volksverhetzung, 160 Sachbeschädigungen und 32 Gewalttaten gegen Juden registriert. Die Polizei geht von überwiegend rechtsextremen oder „zumindest diffus rechts motivierten“ Tätern aus. „Natürlich sind solche Straftaten immer nur die Spitze eines Eisbergs“, betont der Extremismusforscher Prof. Dr. Thomas Grumke von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW. „Die meisten Menschen mit einer solchen Gesinnung setzen ihre politische Einstellung nicht in entsprechende Handlungen um“, so der Experte. Judenfeindliche Aktionen wie Angriffe auf jüdische Einrichtungen, Propagandadelikte oder Gewalttaten werden vor allem von Rechtsextremen begangen. Im Rechtspopulismus hingegen ist antisemitisches Gedankengut relativ gering vertreten. „Die meisten rechtspopulistischen Formationen wie der Front National oder die AfD sind in der Regel eher islamkritisch und geben sich ganz dezidiert proisraelisch“, sagt Grumke.

Jugendliche beschimpfen jüdische Mitschüler

Antisemitische Äußerungen und Angriffe gab es in letzter Zeit sogar an deutschen Schulen: Im Frühjahr 2017 verließ ein 14-jähriger jüdischer Schüler die Gesamtschule Friedenau in Berlin-Schöneberg, nachdem er über mehrere Monate von Mitschülern aufgrund seiner Religionszugehörigkeit gemobbt und angegriffen wurde. Im Dezember 2017 ereignete sich an einer Schule im Berliner Stadtteil Wedding ein ähnlicher Vorfall, bei dem ein jüdischer Schüler von seinen Mitschülern in der Schulkantine angefeindet wurde. An vielen Berliner Schulen ist der Anteil an jugendlichen Migranten mit türkischer oder arabischer Herkunft besonders hoch. „Inwiefern antisemitisches Gedankengut unter den in Deutschland lebenden muslimischen Migrantinnen und Migranten verbreitet ist, darüber fehlen bislang noch zuverlässige wissenschaftliche Zahlen“, sagt Grumke. Er nimmt an, dass einzelne Schüler solche Vorurteile von ihren Eltern, von Bekannten oder aus dem Internet übernehmen und betont: „In Syrien ist der Antisemitismus sogar Staatsdoktrin. Das Land befindet sich schließlich seit mehr als 40 Jahren in einem Kriegszustand mit Israel.“

Bildung und Begegnung

Eine im Herbst 2017 veröffentlichte Studie der University of Applied Sciences Frankfurt am Main (Frankfurt UAS) und des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) befragte 553 Jüdinnen und Juden im Internet über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus in Deutschland. 62 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten Antisemitismus in Form von „versteckten Andeutungen“ erlebt zu haben. 29 Prozent wurden beleidigt oder belästigt und drei Prozent gaben an, Opfer von körperlicher Gewalt geworden zu sein. Welches Mittel ist am wirkungsvollsten gegen Judenfeindlichkeit? Grumke sieht in Bildung und Begegnung die größten Chancen, um gegen antisemitisches Gedankengut vorzugehen: „In meinen Polizeikursen an der Fachhochschule gehe ich während des Grundstudiums immer auch in eine Synagoge. Da nur ein sehr geringer Anteil der deutschen Gesellschaft Juden sind, ist die persönliche Begegnung sehr wichtig – auch für angehende Polizistinnen und Polizisten. Indem man sich kennenlernt, lassen sich eventuelle Vorurteile am besten abbauen.“

AL (23.02.2018)

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