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„Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik“

Werden jugendliche Täter von den Gerichten zu mild bestraft?

Prof. Dr. Michael Günter

Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter an der Universität Tübingen, © privat

Sind die von deutschen Gerichten verhängten Strafen für jugendliche Täter zu mild? Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Michael Günter. Er ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychoanalytiker für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Günter arbeitet als Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Tübingen und beschäftigt sich seit über 20 Jahren intensiv mit forensischen Fragen. 

Herr Prof. Günter, welche Aufgaben haben Sie als Gutachter in Strafprozessen?

Ich muss aufgrund der intensiven psychiatrischen Untersuchung dem Gericht in Form eines Gutachtens Empfehlungen geben, welche psychiatrischen Voraussetzungen im konkreten Fall vorliegen. Das Gericht kann so entscheiden, welche Paragraphen anzuwenden sind. Ich muss aber vor allem auch dem Gericht aus meiner fachlichen Sicht nachvollziehbar machen, welche erzieherischen oder strafrechtlichen Einwirkungen voraussichtlich einer Verhinderung weiterer Straftaten dienen.  

Gibt es feste Kriterien, nach denen Sie ihre Beurteilung vornehmen?

Es gibt keine Checkliste, die man einfach nur abarbeiten müsste. Wir müssen davon ausgehen, dass 18-21Jährige in aller Regel von ihrer psychischen und sozialen Entwicklung her noch keine Erwachsenen sind. Diese Aussage verwundert vielleicht auf den ersten Blick, denn wir sehen ja, dass Jugendliche heute scheinbar eher "reif" sind als das früher der Fall war: Was ihre ersten sexuellen Erfahrungen oder ihr Computerwissen und ihre Handys angeht - und alles, was sie über diese Medien heutzutage so mitbekommen. Aber die entscheidenden Steuerungsfunktionen, die nötig sind, um die Folgen seines Handelns vor einer Tat zu einschätzen zu können, die sind noch nicht hinreichend ausgebildet. Sie sehen hauptsächlich die kurzfristigen Folgen ihres Handelns.

Wann werden diese Eigenschaften denn ausgebildet?

Junge Erwachsene unter 21 Jahre sind beeinflussbarer, als wenn sie fünf Jahre älter sind. Das haben zahlreiche Studien bewiesen. Die spätere Reifung dieser Fähigkeiten hat sicher auch etwas mit Veränderungen in der Gesellschaft zu tun: Früher waren die Lebensbahnen und die Lebensplanung einheitlicher. Erst kam der Schulbesuch, dann folgte die Lehre, anschließend wurde eine Familie gegründet. Das ist heute alles aufgebrochen: Jugendarbeitslosigkeit, Eltern, die selbst von "Hartz IV" leben - da entsteht für viele Jugendliche eine Leere und Orientierungslosigkeit. Zugespitzt gesagt: "Die beste Kriminalpolitik ist eine gute Sozialpolitik".

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