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Gewalt gegen Lehrer

Das Ausmaß des Problems wurde lange verkannt

Lehrende fühlen sich bei Angriffen oft hilflos

© dglimages/adobe.stock.com

 

Wird ein Lehrer Schülern gegenüber aggressiv oder gar handgreiflich, ist er sicher schnell seinen Job los – und das zu Recht. Aber wie sieht es umgekehrt aus? Was passiert, wenn Lehrerinnen und Lehrer von Schülern verbal oder körperlich angegriffen werden? „Gewalt gegen Lehrkräfte war lange Zeit ein absolutes Tabuthema“, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Er erklärt, welche Art von Gewalt an deutschen Schulen vorkommt, wie damit umgegangen wird und was sich künftig ändern muss.

Gewalt hat viele Gesichter

Psychische Gewalt zeigt sich hauptsächlich in Beleidigungen und Bedrohungen, aber auch durch Cybermobbing. „Hier werden im Internet zum Beispiel Behauptungen oder Lügen verbreitet. Die betreffende Person erfährt dann oft sehr spät davon“, erklärt Beckmann. Unter körperliche Gewalt fallen Schläge, Tritte, Bisse oder das Werfen von Gegenständen nach der Lehrkraft. Psychische Gewalt komme häufiger an den weiterführenden Schulen vor, während körperliche Übergriffe eher an Grundschulen zu finden seien. „Auch Eltern können verbal sehr ausfällig werden, wenn sie etwa mit einer Schulnote nicht zufrieden sind. Ich kenne auch einen Fall, bei dem eine Lehrerin von einem Vater mit dem Ellbogen gegen eine Wand gedrückt wurde, weil ihm die Note seiner Tochter nicht passte.“

Keine offiziellen Zahlen zu Gewaltvorfällen

Auf das Thema aufmerksam wurde der VBE als vor einigen Jahren die Anfragen von Lehrern rund um die Rechtsberatung nach Gewaltvorfällen zunahmen. „Wir wollten dann genaue Zahlen von den Kultusministerien erfragen und mussten feststellen, dass Statistiken, die Aufschluss darüber geben, wer von wem angegriffen wurde, oft gar nicht erst geführt oder aber nicht veröffentlicht werden“, erklärt Beckmann. Die häufige Antwort: Auch wenn keine Statistik betreffend Gewaltvorfällen gegen Lehrpersonen geführt würde, könne man versichern, dass es nur um Einzelfälle ginge.

Die Studie „Gewalt gegen Lehrkräfte“

Der VBE beschloss daraufhin, selbst tätig zu werden und beauftragte Mitte 2016 das forsa-Institut, Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen zu ihren persönlichen Erfahrungen mit Gewaltvorfällen an ihrer Schule und sie selbst betreffend zu befragen. Die Ergebnisse waren ernüchternd:

  • Über die Hälfte der Befragten sagten, dass es an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren psychische Gewalt gegen Lehrkräfte gab, das heißt, sie wurden beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt; ein Viertel war selbst betroffen.
  • 21 Prozent sagten, dass es an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren körperliche Übergriffe gegen Lehrkräfte gegeben hat; sechs Prozent waren selbst betroffen.

„Hochgerechnet sind das 45.000 Lehrkräfte – da kann man kaum von Einzelfällen sprechen“, betont Beckmann. Die Gewalt geht jedoch nicht nur von Schülerseite aus. Auch die Eltern werden häufiger verbal übergriffig. Tätliche Angriffe von Eltern sind zwar seltener, kommen laut der Erhebung aber auch vor.

Uwe Beckmann

Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), © Ostermann

Viel Rückhalt von Kollegen und der Schulleitung

Die Lehrkräfte wurden auch gefragt, wie gut sie sich durch das Kollegium und die Schulleitung unterstützt fühlen. Leicht unterschiedlich, je nach Gewaltart, kamen sich zwei Drittel bis drei Viertel gut von der Schulleitung betreut vor. Zudem fühlten sich nahezu alle insbesondere bei körperlicher Gewalt vom Kollegium unterstützt. Bei psychischer Gewalt allerdings nur noch 62 Prozent. Beckmann: „Das basiert unseres Erachtens auch darauf, dass die Scham hoch ist, über solche Vorfälle zu sprechen. Wir haben auch gesehen: Viele nehmen die Probleme mit nach Hause, viele suchen Rat bei der Partnerin oder dem Partner.“

Schulministerien bekommen schlechte Noten

Um das Thema weiter im Blick zu behalten und weitere Daten zu erheben, hat der VBE Anfang 2018 eine weitere Studie in Auftrag gegeben. Diesmal wurden 1.200 Schulleitungen befragt, ob es in den letzten fünf Jahren an ihrer Schule Fälle von Gewalt gab und ob sie die Lehrkräfte ausreichend unterstützen konnten. Udo Beckmann: „Die Zahlen bewegen sich in einem ähnlichen Rahmen, auch wenn sie natürlich nicht direkt miteinander vergleichbar sind. Wir sehen aber: Lehrkräfte sagen öfter als Schulleitungen, dass es direkte Beschimpfungen gab und deutlich öfter, dass Mobbing über das Internet stattgefunden hat. Daraus ist abzuleiten, dass nicht jeder Konflikt an die Schulleitung herangetragen wird.“

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