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Richtig reagieren bei drohender Gewalt

Tipps zur Vorbeugung und Deeskalation 

Gefährliche Situationen richtig einschätzen und auf Täter so reagieren, dass sich Gewaltsituationen möglichst gar nicht erst aufschaukeln: Das kann man lernen 

© Mr Korn Flakes, fotolia 

 

Die Pöbelei in der Bahn, die Schlägerei vor der Disko, der nächtliche Überfall: In seinem Buch „Nutze deine Angst“ gibt der ehemalige Polizist Ralf Bongartz Tipps, wie man einer Eskalation vorbeugen kann und in Gewaltsituationen richtig reagieren sollte. 

Typische Delikte 

Die leichteste Form von Gewalt ist die so genannte Inszenierung. Das sind Menschen, die unglaublich laut herumschreien und auch Schlaggesten ausführen. Sie sind in der Regel ungefährlich, denn sie greifen meist nicht tatsächlich an. Aber der ehemalige Kriminalhauptkommissar und jetzige Trainer für Konfliktmanagement und Körpersprache Ralf Bongartz rät zur Vorsicht: Immer, wenn jemand laut und aggressiv ist, sollte man innerlich wachsam bleiben. „Man sollte sich schon mal vorbereiten: Umgucken, wo könnte man hingehen? Wer ist sonst noch im Zug? Wo sind die Notruftasten, wo ist mein Handy und wie ist der Empfang? Zusätzlich sollte man präsent bleiben und sich nicht „unsichtbar“ machen, also nicht so tun, als würde keine Bedrohung existieren oder denken: Das betrifft mich nicht“, sagt Bongartz im Interview mit polizei-dein-partner.de. Er kennt eine Frau, die in solch einer Situation einfach aus dem Fenster geschaut hat. „Da ist eine Schlägerin ohne Vorwarnung auf sie zugekommen und hat ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen.“ In dem Moment, in dem die Bahntür aufgehe und laut pöbelnde Menschen reinkommen, sollte man sich gerade hinsetzen und seinen Gefahrenradar einschalten. Die Gruppe nicht direkt angucken, aber im Blick behalten. Offene, neutrale Wachsamkeit und keine Panik zeigen, sei eine gute Form der Vorbeugung, so Bongartz. 

Ralf Bongartz war 20 Jahre lang als Kriminalhauptkommissar tätig und ist jetzt Trainer für Konfliktmanagement und Körpersprache 

© Lena Böhm

Gefährliche Orte meiden 

Wenn man abends auf dem Nachhauseweg ist und sich denkt, „die Strecke würde ich jetzt eigentlich wenn´s dunkel ist besser nicht gehen“, dann sollte man seinem inneren Bauchgefühl trauen und lieber einen Bus oder ein Taxi nehmen, rät Ralf Bongartz. Vorbeugend sollte man möglichen Gewaltsituationen aus dem Weg gehen: „In Großstädten sind gefährliche Orte bekannt, und wenn man sie kennt, sollte man sie meiden.“ Ihm sei klar, dass das eine Diskussion über die sogenannten „No-Go-Areas“ entfachen könnte. „Es wird ja gesagt, in einem Rechtstaat darf es keinen Raum geben, an den man nicht gehen darf. Das stimmt auf der Ebene von Freiheits- und Grundrechten. Aber auf der Ebene der Wirklichkeit stimmt das nicht“, sagt Bongartz. 

 

Das „perfekte“ Opfer 

Gewalttäter suchen sich Opfer aus, bei denen sie mit wenig Widerstand rechnen. Dabei spielen körperliche und psychische Signale eine Rolle: 

  • schlecht trainiert 
  • schlecht gelaunt 
  • angetrunken 
  • körperlich behindert 
  • in sich gekehrt 
  • zusammengesunken 
  • unsicher

    Die meisten Opfer von Gewalttaten sind Männer (über 90 Prozent). Sexualstraftaten ausgenommen, sind Frauen also sicherer.  

     

Die vier Phasen eines gewalttätigen Konflikts 

„Eskalationen verlaufen meistens in vier aufeinander folgenden Phasen“, sagt Ralf Bongartz: 

  • visuelle Phase 
  • verbale Phase 
  • territoriale Phase 
  • körperliche Gewalt 

In der visuellen Phase suchen die Täter Blickkontakt, visieren das mögliche Opfer an und schätzen es ein. Oder sie versuchen, mit dem Blick so zu provozieren, dass das Gegenüber einen „Blick-Kampf“ (wer starrt länger?) eingeht und ankoppelt. Das ist eine Kontaktphase, in der die Täter ausloten, was sie tun werden oder bereits ein Machtspiel anbieten. Es folgt die verbale Phase, in der die Täter versuchen, verbal durch Anpöbeln oder Beleidigungen mit dem Opfer in Kontakt zu treten. Dies kann noch aus einiger Entfernung geschehen. In der darauf folgenden territorialen Phase kommt der Täter näher heran an das Opfer. Es kann auch zu Rempeleien und leichten Schlägen kommen. Dann folgt die Phase körperlicher Gewalt. 

Die visuelle Phase 

In der visuellen Phase suchen sich die Täter ein Opfer aus und versuchen, über Blicke Kontakt aufzunehmen. Sie schätzen Menschen anhand ihres Aussehens, der Körpersprache und des Trainingszustands, aber auch aufgrund seines Bewusstseinszustands ab. „Dabei hängt es davon ab, was die Täter wollen: Wollen sie Dominanzgewalt oder strategische Gewalt ausüben?“, sagt Ralf Bongartz. Dominanzgewalt bedeute, man schlage aus purer Lust oder Langeweile jemanden zusammen, damit es einem danach besser geht. Ein Beispiel für strategische Gewalt kann sein: Jemand will das iPhone haben und schaut, wem er es am einfachsten abnehmen kann. Die Taten verlaufen häufig nach gleichen Mustern: Zuerst versucht der Täter, visuell anzukoppeln. Er starrt das Gegenüber provokativ an. „Anhand des Blickverhaltens, der Augen- und Kopfbewegungen seines Gegenübers, kann der Täter feststellen, ob derjenige leichte Beute ist“, erklärt Bongartz. Wer sich erschreckt und nach unten wegschaut (Fluchtimpuls), ist in einem Tiefstatus – und der Täter hat Hochstatus. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass man einen Täter zurück anstarren sollte (Angriffsimpuls). Das kann zum Machtkampf führen. „Wird man provokativ angestarrt, sollte man langsam auf der horizontalen Ebene seitlich weggucken. Und zwar so, dass man den Täter trotzdem im Blickwinkel behält. Der merkt, dass Sie ihn registriert haben, aber mit der Bedrohung locker und souverän umgehen. Damit zeigt man, dass man kein leichtes Opfer ist“, erklärt Ralf Bongartz.

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